Leseprobe aus „Geruch der Erinnerung“

(Auszug – Stimmung & Erzählton des Buches)

Der Geruch kommt zuerst.

Nicht die Erinnerung. Nicht das Bild. Nur dieser eine Hauch, der sich unter die Alltagsschichten schiebt wie eine Hand, die ganz vorsichtig testet, ob die Tür noch offen ist.

Kaffee. Dunkel. Warm. Ein bisschen verbrannt am Rand, so als hätte jemand zu lange gezögert.

Ich stehe im Eingang, die Jacke noch halb an, und die Luft vor mir glänzt von Nässe. Draußen schiebt der Regen seine dünnen Finger über die Scheibe. Drinnen ist es leiser, als es sein dürfte. Holz, das sich erinnert. Porzellan, das nicht ganz sauber klingt.

Das Glöckchen über der Tür macht ding.

Und ich denke: Vielleicht ist es nur Kaffee. Oder es ist ein Signal.

Ich gehe zum Tresen. Der Lack auf der Kante ist an den Stellen blank, wo Hände immer wieder dieselbe Route nehmen. Da, wo man sich festhält, bevor man sich entscheidet. Der Tresen fühlt sich kalt an, obwohl der Raum warm ist. Oder gerade deshalb.

„Wie immer?“ fragt die Stimme.

Ich sehe zuerst die Hände. Große, ruhige Hände, die so tun, als hätten sie Zeit. An einem Finger ein kleiner, matter Ring. Kein Schmuck, eher ein Rest. Als wäre er vergessen worden und dann geblieben.

Ich nicke. Meine Kehle ist trocken von der Kälte draußen.

„Oder…“ Die Stimme zieht das Wort in die Länge, als wäre es ein Angebot, das man nicht laut aussprechen sollte. „…den Besonderen?“

Ich blinzle.

Es ist ein ganz normaler Satz. Ein Satz aus einem ganz normalen Laden. Aber irgendetwas daran hängt schief im Raum, als hätte er eine zweite Bedeutung, die nur ich hören kann.

„Was ist denn der Besondere?“ frage ich.

Die Person hinter dem Tresen lächelt nicht richtig. Eher so, als hätte sie diesen Witz schon zu oft gemacht und ihn trotzdem nicht losbekommen.

„Der kostet nichts extra“, sagt sie. „Aber du musst ihn hier trinken.“

„Hier“, wiederhole ich.

„Hier“, sagt sie, und tippt mit dem Finger auf die Holzfläche, als würde sie eine Grenze markieren.

Ich merke, wie ich die Jacke ausziehe. Langsam. Als müsste ich erst etwas ablegen, bevor ich etwas anderes anziehen kann. Der Stoff ist außen klamm und innen warm von mir. Ein bisschen wie ein Tierfell, das man nicht mehr braucht.

Ich setze mich auf den Hocker. Er knarrt, als würde er meinen Namen kennen.

Die Tasse kommt ohne Eile. Weißes Porzellan mit einem Haarriss am Rand, so dünn, dass man ihn nur sieht, wenn das Licht schräg genug fällt. Dampf steigt auf, und in dem Dampf ist eine Spur von etwas, das nicht Kaffee ist. Etwas Süßes. Etwas, das an Papier erinnert, das zu lange in der Sonne lag.

Ich fasse die Tasse an. Meine Finger nehmen die Wärme dankbar an, als wären sie kurz davor gewesen, etwas zu verlieren.

Der erste Schluck ist… normal.

Heiß. Bitter. Ein bisschen säuerlich. Die Zunge sagt: Kaffee. Der Kopf sagt: Alles okay.

Dann kommt der zweite Schluck.

Und die Welt macht einen kleinen Schritt zur Seite.

Nicht spektakulär. Kein Knall, keine Farbenexplosion. Eher wie wenn man ein Bild an der Wand gerade rückt und plötzlich merkt, dass es vorher die ganze Zeit schief hing.

Der Geruch wird lauter.

Ich höre auf einmal die Geräusche genauer: das leise Schaben eines Löffels, das Klicken einer Tasse auf einer Untertasse, ein Atemzug irgendwo hinter mir, der zu lang ist. Der Regen draußen klingt nicht mehr wie Regen, sondern wie tausend winzige Nägel auf Glas.

Ich sehe die Tropfen an der Scheibe einzeln. Jeder Tropfen eine kleine Linse.

Und in einer dieser Linsen hängt etwas fest.

Ein Flur.

Nicht dieser Flur hier. Ein anderer. Ein enger Flur, der nach Seife riecht, nach nassem Stoff und nach dieser Heizungsluft, die im Winter so trocken ist, dass die Nase innen schmerzt. Das Licht dort ist gelb und ein bisschen müde. Die Tapete hat ein Muster, das man nur wahrnimmt, wenn man lange genug hinsieht.

Ich atme ein.

Der Kaffee schmeckt jetzt nach dem Flur.

Das ist unsinnig. Kaffee kann nicht nach Tapete schmecken. Aber mein Körper widerspricht nicht. Er akzeptiert es sofort, als wäre genau das die richtige Logik.

Ich sehe Hände. Nicht meine. Kleinere Hände, nervös, die an einem Knopf fummeln. Ein Mantel, der zu groß ist. Der Stoff kratzt am Hals. Irgendwo sagt jemand meinen Namen – oder sagt ihn nicht, und ich höre ihn trotzdem.

Ich schlucke.

Der Tresen ist noch da unter meinen Fingern. Das Holz ist real. Die Tasse ist schwer. Der Dampf steigt auf wie vorher.

Und trotzdem ist der Flur da.

Vielleicht ist das der Deal. Nicht „besonderer Kaffee“, sondern besondere Rückkehr.

„Alles gut?“ fragt die Stimme hinter dem Tresen.

Ich nicke wieder, aber es ist ein anderes Nicken. Eines, das nicht erklärt.

Ich nehme den dritten Schluck.

Und dann ist da ein Zug.

Ein Gang, zu schmal für so viele Körper. Der Geruch von Metall, von Kunstleder, von kaltem Rauch, der in Stoff hängt, auch wenn niemand mehr raucht. Stimmen, die zu nah sind. Schlafgeräusche, die nicht beruhigen, sondern drücken. Ein Fenster, das beschlagen ist. Jemand schiebt sich vorbei, die Schulter streift mich, und das Streifen ist eine ganze Geschichte in einer Sekunde.

Ich stehe dort. Ich sitze dort. Ich bin dort.

Und ich bin hier.

Mein Magen zieht sich zusammen, als würde er etwas erkennen, das er längst vergessen hatte. Eine Mischung aus Müdigkeit und Wachheit, die sich nicht entscheiden kann.

Ich blinzle.

Der Regen draußen ist kurz still. Oder ich höre ihn nicht.

„Du musst ihn hier trinken“, hat sie gesagt.

Hier.

Vielleicht meint „hier“ nicht den Laden. Vielleicht meint „hier“ dieses dünne Stück Gegenwart, auf dem man stehen muss, während der Boden darunter sich öffnet.

Der vierte Schluck schmeckt nach Sommer.

Nicht nach irgendeinem Sommer. Nach Sonnencreme. Nach Salzwasser auf Haut. Nach heißem Gummi. Nach Sand, der zwischen Zähnen knirscht. Lachen in der Ferne, das so leicht ist, als würde es nie aufhören.

Ich sehe ein Auto. Klein. Zu voll. Zu viele Knie, zu viele Taschen. Fenster offen, Wind auf der Stirn, und irgendwo hängt ein Lied in der Luft, das man später nie wieder so hören wird wie in diesem Moment. Hände berühren sich beiläufig, als wäre das ganz normal, und genau diese Beiläufigkeit ist das Unverschämte daran.

Ich spüre eine Wärme am Arm, die nicht von der Tasse kommt.

Ich ziehe die Finger zurück und merke erst dann, dass ich mich am Porzellan festgehalten habe, als würde ich sonst wegkippen.

Der Haarriss am Rand ist jetzt deutlicher. Er sieht aus wie eine Straße aus der Vogelperspektive. Eine Route, die man einmal gefahren ist und nie wieder findet, obwohl man sie tausendmal im Kopf abläuft.

Schwer zu sagen, ob ich mich erinnere – oder ob der Kaffee sich erinnert.

Hinter mir lacht jemand, und das Lachen klingt wie ein Pub.

Holz. Dunkel. Biergeruch, der warm ist, nicht kalt. Der süßliche Dunst von altem Rauch, der sich in Vorhänge frisst. Ein Wirt, der so tut, als hätte er mich schon immer gekannt, und genau das macht es gefährlich: dieses Zuhause-Gefühl an einem Ort, der nicht zuhause ist.

„Schreib’s auf“, sagt eine Stimme. „Deckel.“

Und da ist dieser kleine Moment, in dem Geld keine Rolle spielt, sondern Vertrauen. Eine Linie. Ein Strich. Ein stilles Abkommen.

Ich sehe, wie Kreide über Pappe geht. Ich höre das Kratzen. Ich rieche den Staub davon.

Im Laden hier ist es ruhig. Niemand schreibt etwas auf. Niemand ruft meinen Namen.

Und trotzdem spüre ich das Abkommen auf der Zunge, wie einen bitteren Nachgeschmack, der nicht unangenehm ist, nur wahr.

Ich setze die Tasse ab.

Klack.

Das Geräusch ist zu laut.

Für einen Moment hält alles an, als würde die Welt prüfen, ob ich den Faden verloren habe.

Ich atme aus.

Der Dampf steigt weiter auf. Das Licht am Fenster bleibt grau. Der Tresen bleibt hart.

Der Flur ist weg.

Der Zug ist weg.

Der Sommer ist weg.

Nur der Geruch bleibt noch einen Augenblick länger, als würde er sich nicht so leicht vertreiben lassen. Wie jemand, der im Türrahmen stehen bleibt, obwohl das Gespräch längst vorbei ist.

„Und?“ fragt die Stimme hinter dem Tresen.

Ich schaue in die Tasse. Auf der Oberfläche schwimmt ein dunkler Spiegel. Kein Gesicht. Nur Bewegung. Als würde die Vergangenheit kurz winken und dann wieder untertauchen.

„Besonders“, sage ich.

Es klingt banal.

Es ist nicht banal.

Die Person nickt, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. Als wäre das Ganze ein Handwerk. Eine Technik. Eine Sorte, die man nicht im Menü schreibt.

„Noch einen?“ fragt sie.

Ich schüttle den Kopf.

Draußen hat der Regen aufgehört. Oder er tut nur so.

Ich ziehe die Jacke wieder an. Der Stoff ist immer noch klamm. Innen ist er jetzt kälter, weil ich kurz warm war.

Ich gehe zur Tür. Das Glöckchen macht wieder ding.

Und ich weiß nicht, ob ich den Laden verlasse oder nur eine Schicht.

Auf dem Bürgersteig riecht die Luft nach nassem Stein und nach etwas Metallischem, als hätte die Stadt gerade geblinzelt. Autos rauschen. Menschen gehen. Alles ist wieder normal.

Nur ich stehe einen Moment zu lange da.

Weil irgendwo in mir noch ein Flur offen ist.